Artikelausdruck von Freestyle Braunschweig


Taiji Quan:
(Weisser Kranich - Freunde des Taiji und Wushu)

„Wenn Kraniche reisen“

 
Einmal zu den legendären Wurzeln des Taijiquan in den sagenhaften Wudang-Bergen zu reisen – diesen Traum machten sieben Mitglieder des Vereins „Weißer Kranich eV – Freunde des Taiji, Qigong und Wushu“ wahr. Nach langer Vorbereitungszeit konnte das Abenteuer endlich beginnen: Ende September bestiegen die aufgeregten Reisenden das Flugzeug Richtung Shanghai. Bei Bruthitze und jetlag-geplagt wurde erst einmal die Stadt inspiziert. Erstaunlicherweise finden sich auch in der 18-Millionen-Stadt immer wieder Orte der Kontemplation und des Innehaltens. Dennoch freuen sich Sportler, nach zwei Tagen den wuseligen Ort zu verlassen, um den Huang Shang, der von vielen Chinesen als der „schönste Berg Chinas“ bezeichnet wird, zu besuchen. Nach dem beeindruckenden Panorama der Berge ist der kurze Abstecher in das kleine Dörfchen, in dem der Kultfilm „Tiger & Dragon“ gedreht wurde, eher ernüchternd. Offene Kanalisation, düstere und langsam verfallende Häuser, denen man nicht ansieht, dass sie Teil eines Weltkulturerbes sind, erinnern daran, dass China ein Land der Kontraste ist; die Schere zwischen reichen, touristisch erschlossenen Gebieten und armen Gegenden ist deutlich erkennbar geöffnet. Die Weiterreise führt zur Gartenstadt Hangzhou – ein Ort zum Aufatmen. Gerne wird die Gelegenheit, sich frühmorgens ein Bild von den dortigen Taiji-Übungen zu machen, wahrgenommen. Das Interesse der Einheimischen an den Bewegungen der „Langnasen“ ist mindestens so groß wie umgekehrt, so dass es bald zu einem lebhaften Austausch kommt. Der Übungsleiter der Kraniche, Yürgen Oster, kommentiert trocken die Anleitungen eines chinesischen Lehrers, der in futuristisch silbrig-glänzendem Dress gekleidet und mit hochmoderner Verstärkeranlage und Mikro ausgestattet seine Schüler anleitet: „sieht zwar ein bisschen merkwürdig aus, macht aber einen ordentlichen Job“. Dann endlich das ersehnte Ziel der Reise: Wudang Shan. Neben dem weitaus bekannteren, buddhistisch ausgerichteten Zentrum chinesischer Kampfkunst Shaolin, ist dieser Ort, dessen Kloster daostischen Ursprungs ist, die wichtigste Stätte der Entwicklung der inneren Kampfkünste. Der legendäre Schöpfer des Taijiquan, der Mönch Zhang Sanfeng, lebte und wirkte in diesem Bergen. Der Legende nach entdeckte er die Prinzipien der inneren Kampfkünste in den Wudang-Bergen, nachdem er den Kampf zwischen einer Schlange und einem weissen Kranich beobachtet hatte. Zhang Sanfeng soll zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert gelebt haben, aber seine historische Existenz ist nicht belegt. Nach einer Nachfahrt mit dem Zug ist noch eine längere Busreise zu dem abgelegenen Ort zurückzulegen. Die Einfahrt zu dem Weltkulturerbe am Fuße des Berges ist streng kontrolliert und erst nach ausgiebiger Visitation wird es den Reisenden gestattet, Quartier im Hotel in den Bergen zu beziehen. In dem feucht-warmen Klima entwickeln Flora und Fauna sich prächtig; erst nach mehrmaligem Hinschauen können die massenhaft flatternden vermeintlichen kleinen Vögel als Falter identifiziert werden. Neben dem Hotel befindet sich die „Academy of Wudang Daoism Wushu Arts“, die natürlich – kaum gelandet – sofort besucht wird. Bei der Betrachtung der „lockeren Aufwärmübungen“ der dortigen Schüler herrscht zunächst atemloses Schweigen – umso größer die Begeisterung als sich herausstellt, dass rein zufällig an diesem Abend eine exklusive Darbietung für eine gerade anwesende chinesische Delegation stattfinden soll. Zu diesem Ereignis werden die Kraniche herzlich eingeladen und haben das Vergnügen, „in der ersten Reihe“ die Vorführung zu genießen. Besonders die Tierimitationen begeistern die Rheinhessen, die noch stundenlang hätten zuschauen können, wie der „Affe“ auf seinem Bambusstock sitzt, die „Schlange“ über den Boden kriecht und der „Adler“ nach seiner Beute stößt. Die Gastgeber lassen es sich aber nicht nehmen, ihre Gäste noch in die Bar zu komplimentieren um Trinkfestigkeit und Sangesfreude beim Karaoke zu testen – da sind sie bei einer Gruppe Mainzer genau an der richtigen Adresse! Nach einem letzten geschunkelten „Am Rosenmontag“ verabschieden sich Besucher und sichtlich beeindruckte Chinesen voneinander, denn am nächsten Tag steht „Training mit den Meistern“ auf dem Programm. Zunächst machte sich der Lehrer ein Bild vom Trainingsstand seiner neuen Schüler und stellte dann den typischen Wudang-Taiji-Stil vor. Die Vereinsmitglieder waren sich darüber einig, dass diese Art der Bewegung völlig vom bisher gelernten abweicht. Bedauerlicherweise war die Zeit viel zu kurz, um die „neuen“ Formen vollständig zu lernen, der erste Eindruck war aber ausreichend um festzuhalten: „nächstes Jahr kommen wir wieder!“


Autor: best
Artikel vom 01.11.2005, 12:18 Uhr

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